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16. Juli 2008

Grußwort zur Vorstellung der „Stiftung Brandenburgische Dorfkirchen“

Sehr geehrter Herr Prof. Dr. von Stechow, sehr geehrter Herr Dr. Otzen,  verehrter Herr Superindendent Ammon, sehr Damen und Herren, liebe Gäste und Pressevertreter,

wir wollen die Kirche im Dorf lassen! Unsere Zeit ist ohnehin gekennzeichnet von rasanten Veränderungen. Da muss der Mensch irgendwo auch einen Ankerpunkt finden. Was eignet sich besser als die Kirche im Dorf.

Aber wie sehen sie aus, diese Kirchen? Das Dach ist undicht und die Balken morsch. Man kann ja schon froh sein, wenn nicht noch Wasser von unten ins Mauerwerk eindringt. Viele Kirchgebäude schreien geradezu nach der fachkundigen Hand des Handwerkers. Der Sanierungsbedarf ist oft riesengroß.

Aber wer soll das bezahlen? Ich war kürzlich auf einem Pfarrkonvent und da wurde heftig darüber diskutiert, ob die Kirchgemeinden nun Geld für Kirchenbau oder Gemeindearbeit ausgeben sollten. Ich verrate Ihnen kein Geheimnis, dass da ohnehin nicht viel auszugeben ist. Denn die Gemeinden im ländlichen Rum schrumpfen und die Kirchensteuern sind rückläufig, wo man auch hinschaut. Wer will es den Pfarrern verdenken, wenn sie die geringen Einnahmen, die sie haben, lieber für den Gemeindeaufbau als für den Kirchbau verwenden wollen. Diejenigen, die in dieser Situation sagen, dass die Kirche als Symbol für Gemeinschaft, als Anker im Meer der  Beliebigkeit unbedingt erhalten werden muss, die geraten schnell ins Abseits. Sie werden als Baupfarrer abqualifiziert, obwohl sie dieser Konflikt zwischen Gemeinde und Kirche, zwischen Geld für Kopf oder Stein schier zerreißt.

Wir Bündnisgrüne sagen in unseren Programmen oft, dass wir in Köpfe statt in Beton investieren wollen. Ich finde das auch richtig. Aber wie so oft: auch hier geht es nicht schwarz/weiß. Denn ganz nebenbei gibt es auch Fragen von Tradition und Kultur. Und da bin ich dann wieder ganz nah bei den Baupfarrern. Die Kirche muss im Dorf bleiben! Was kennzeichnet denn ein Dorf? Kirche, Kneipe Schule.

Ja, werden Sie sagen, ist die nostalgisch. Das ist doch schon lange nicht mehr so. Wahrlich, in vielen Dörfern Brandenburgs ist das schon lange nicht mehr so. Aber es ist nicht gut, dass das so ist. Denn ohne Kirche, Kneipe, Schule ist ein Dorf nicht wirklich ein lebendiges Dorf. Der Mensch lebt bekanntlich nicht vom Brot allein. Menschen brauchen geistliche Betreuung und geistige Anregung, sie brauchen Gemeinschaft und sie brauchen Bildung. Das war früher so und das hat sich bis heute nicht geändert. Kirche – Kneipe – Schule auch wenn man andere Begriffe dafür findet – ohne sie kommt auch ein modernes Dorf auf Dauer nicht aus.

Brandenburg ist ein Land, das überwiegend ländlich geprägt ist. Doch das Leben im ländlichen Raum verliert zunehmend an Reiz. Junge Leute, besonders Frauen wandern ab. Übrigens meist nicht in die Städte, sondern wieder in den ländlichen Raum, allerdings in West- und Süddeutschland. Dort gibt es Arbeitsplätze, dort steht die Kirche noch im Dorf, dort ist die Welt noch ein bisschen mehr in Ordnung.

Wenn ich mit Brandenburger SchülerInnen spreche, dann wollen sie eigentlich nicht weg. Sie sind hier verwurzelt. Aber weil sie keine Perspektive sehen, zieht es sie in die Fremde. Hätten sie Ankerpunkte, würden sie bleiben oder zumindest wiederkommen. Natürlich ist der Anker für sie nicht der Kirchenbau, sondern der Job. Aber ganz sicher ist, dass in einem funktionierenden Dorf nicht nur eine Kirche steht, sondern dass es da in der Regel auch zahlreiche Jobs gibt. Deshalb muss es unser aller Bestreben sein, in Brandenburg wieder zu lebenswerten Strukturen in den Dörfern zurückzufinden. Dazu kann die "Stiftung Brandenburgische Dorfkirchen" ganz sicher ihren Beitrag leisten.

Vor einer Weile war ein "Gutachten zum demografischen Wandel im Land Brandenburg" des Berlin Instituts für Bevölkerung und Entwicklung in aller Munde. Dieses Gutachten wurde vor allem  bekannt dadurch, dass dort – fast nebenbei – von Wegzugsprämien die Rede war – Wegzugsprämien für die, die wegen weggebrochener Daseinsfürsorge nicht mehr auf dem Lande leben können. An der Wegzugsprämie entzündete sich der Volkszorn, das bewegte Politik und Medien. Doch ich halte diese Debatte für verlogen.

Seit Jahren bessern sich die Lebensverhältnisse im ländlichen Raum Brandenburgs nicht. Eine Schule nach der anderen schließt, ein Jugendclub nach dem anderen verschwindet. Feuerwehren sind lahmgelegt, weil die Mitglieder auswärts arbeiten. Politiker sind nur noch vor Ort zu sehen, wenn eine Ortsumgehung einzuweihen ist. Ständig bauen  wir an Straßen, auf denen die Menschen das Land zügig verlassen können. Ist das der richtige Weg?

Nein!  Die Brandenburger sollen in Brandenburg bleiben. Gleichzeitig sollen sie offen sein für die Fremden, die gern bei uns leben wollen. Und unsere Kinder sollen wiederkommen, wenn sie in der Welt genug gelernt haben. Wir wollen ihnen Ankerplätze bieten. Und ich glaube, dass Brandenburgische Kirchen – nicht allein aber auch – als Orte von Gemeinschaft und geistiger Auseinandersetzung dazu gut geeignet sind.

Deshalb bin ich froh und dankbar, dass man mich heute eingeladen hat, hier zu reden. Ich freue mich, dass ich als langjähriges Mitglied des Förderkreises Alte Kirchen in Berlin und Brandenburg e.V. mithelfen darf, die "Stiftung Brandenburgische Dorfkirchen" aus der Taufe zu heben. Ich weiß gar nicht, wer die Paten sind. Hätte man mich gefragt, ich hätte "Ja" gesagt. Die "Stiftung Brandenburgische Dorfkirchen" ist gut für Brandenburg und sie ist gut für den ländlichen Raum. Deshalb kann sie ganz sicher sein, dass sie mich an ihrer Seite hat.